|
Erstes Geschehnis: „Schneegefährten“
Frisch war der Schnee noch und unberührt, es hatte die ganze Nacht ununterbrochen geschneit und der Morgen war jung und neu.
Eine lange Straße zog sich von weither zwischen den einsam daliegenden, tief verschneiten Feldern hindurch, machte oberhalb eines sanften Hügels, hinter einem kleinen Wäldchen eine Biegung und verschwand; alles lag friedlich und still im Nebel des frühen Morgens.
Weit hinten, am Horizont, ragte, kaum sichtbar und vom Nebel eingehüllt, eine zwiebelförmige, barocke Kirchturmspitze in den Himmel. Zwei breite, tiefe Reifenspuren durchzogen die dicke Schneeschicht auf dem Asphalt, schwangen sich in einem leichten Bogen hin zu einem alten, verwitterten Holzhäuschen mit türlosem, breiten Eingang, das weit sichtbar am Rande der Straße stand und vor dem ein gelbes Schild mit einem grünen aufgemalten „H“ auf einer Stange befestigt war, die, tief in den gefrorenen Boden eingerammt, vor dem Holzhäuschen aufragte.
Von dort setzten sich die Reifenspuren gradlinig in Richtung des Wäldchen oberhalb des Hügels fort. An einer Stelle vor dem Häuschen war der Schnee tief eingedrückt: die Abdrücke von schweren Stiefeln zeichneten sich dort deutlich ab und setzten sich gleichmäßig und in gleich bleibender Schärfe im Schnee fort, wobei sie eine Spur bildeten von leicht versetzt aufeinander folgenden, mit den Spitzen jeweils leicht nach außen gerichteten Schuhabdrücken, die geradewegs zum Feldweg am Rande des Wäldchens führte.
Etwas weniger scharf, aber ebenso gradlinig zeichnete sich neben der Spur mit den schweren Stiefelabdrücken eine zweite von deutlich kleineren Stiefeln oder derben Schuhen im Schnee ab. Auch hier folgten die Abdrücke leicht versetzt aufeinander, wobei wie bei der ersten Spur jeder einzelne Abdruck mit der Spitze leicht nach außen zeigte, immer im Wechsel, mal nach links außen, mal nach rechts.
Auch diese zweite Spur führte zum Rand des Wäldchens hin, verlief dabei nahezu parallel zur ersten, manchmal aber auch die erste Spur kreuzend oder sogar überdeckend und von Zeit zu Zeit von paarweise angeordneten Schuhabdrücken in ihrem gleichmäßigen Verlauf unterbrochen, ähnlich wie große, einzelne Perlen inmitten einer sorgfältig, aus kleinen, aufgefädelten Perlen geknüpften Halskette. .....
Zweites Geschehnis: „ Das Vogelpaar “
...
Sogleich begannen die Vögel hastig, winzige Keksreste, die an manchen Stellen des Papiers klebten, von den Schnipseln zu picken, so daß nach und nach ein darunter verborgener, aufgedruckter und teilweise abgerissener Schriftzug des Namens einer Stadt im Norden zum Vorschein kam.
....
Drittes Geschehnis: „ Feierabend “
Der Fahrer am Steuer des Busses spürte, wie ihm die Lider schwer wurden. Er stellt die leise Radiomusik, die aus dem kleinen Apparat neben dem Lenkrad ertönte, etwas lauter und dachte mit schläfrigem Behagen an seinen Feierabend, der mit dem Erreichen des nächsten Ortes endlich beginnen würde.
Inzwischen hatte das starke Schneetreiben mit den heftigen Windböen, das während seiner Dienstfahrt am frühen Vormittag plötzlich eingesetzt hatte, wieder nachgelassen, und er konnte nun die Fahrt entspannter fortsetzen, zumal sich auch kein einziger Fahrgast mehr im Bus befand.
Sein Blick wanderte durch die Windschutzscheibe über die weiten weißen Felder, über die kleinen Anhöhen und über die wie eine Ansammlung von Spielzeughäuschen daliegenden Marktflecken, aus deren Mitte barocke Kirchturmspitzen hervorragten, vorbei an den von Zeit zu Zeit am Straßenrand auf den Boden gestellten, kleinen Holzkreuzen, vor denen sich Sträuße von welken Blumen häuften, und vorbei an den am Wegrand aufgestellten Kruzifixen mit den über und über vergoldeten Christus-Figuren.
Wie schön es doch hier bei uns ist, dachte er zufrieden, das hatten auch schon viele Fremde entdeckt. Solche wie die beiden jungen Leute heute Morgen, .....
Viertes Geschehnis: „Verwehte Spuren“
Der langsam wieder einsetzende Schneefall am frühen Morgen war im Verlaufe des Vormittags, zunächst noch unterbrochen von strahlendem Sonnenschein, in ein heftiges Schneetreiben übergegangen;
es verwischte nach und nach die Spuren auf dem Feldweg, bedeckte sie zart und unaufhaltsam mit Milliarden und Billionen von frischen Schneeflocken, .....
<Ende der Leseprobe...> <Künstlerbuch: Schneeverwehung>
© Gerhild Mölle, 2006, Kurzgeschichte im Künstlerbuch “Schneeverwehungen”
|