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Die helle Sitzecke vor dem Fenster am Ende des langen Ganges lud zum Verweilen ein. Hohe, offene Regale, geschmückt mit rankendem Efeu, begrenzten den freundlichen Raum und ließen nur eine schmale Öffnung als Eingang frei. Die Frau, die an diesem sonnigen Nachmittag den Gang entlang ging, vorbei an einer Reihe von eng aneinander liegenden Türen, von denen sich keine von den anderen unterschied, war hierher gekommen, um das Versprechen eines längst fälligen Besuches einzulösen. Sie fühlte, wie ihr Blick sich wie angezogen und doch zugleich abgestoßen zwischen die Efeupflanzen zwängte. Ob sie wohl wieder dort sitzen, dachte sie, als im hellen Gegenlicht ihr Blick plötzlich auf schemenhafte Gestalten traf, die wie angewurzelt in der Ecke saßen, nebeneinander, bewegungslos, in sich zusammengesunken. Zu ihrer Bestürzung bemerkte die Besucherin unter den alten Menschen auch jene Verwandte, der ihr Besuch galt. Sie schauderte und wäre wohl unbemerkt gegangen, hätte ihr der Gang eine Gelegenheit zum Entrinnen gelassen. Schließlich betrat sie doch die Sitzecke und grüßte freundlich, wobei ihr die eigene Stimme seltsam laut erschien. Niemand antwortete, nur ihre alte Verwandte blickte auf. Die Besucherin war erleichtert darüber, erkannt worden zu sein und setzte sich schnell. Doch schon legte sich die Stille wieder wie ein schweres Tuch über die Sitzecke, bedeckte Tische, Stühle und Menschen und nahm die Luft zum Atmen. Rasch griff die Besucherin nach einem Päckchen mit Süßigkeiten, das sie mitgebracht hatte. Wenn auch völlig überzeugt von der Sinnlosigkeit ihres Tuns, hielt sie die Schachtel auch einer anderen alten Frau hin, die ihr gegenüber saß. "Bitte, nehmen Sie doch!", sagte sie, und zu ihrer Überraschung flammte ein Licht auf in den leblosen, alten Augen, die tief in ihren Höhlen lagen. Doch Ungläubigkeit mischte sich in den Blick. Da verspürte die Besucherin plötzlich ein unbändiges Verlangen, dieses Licht nicht verlöschen zu lassen, es behutsam mit ihren Händen zu umschließen, wie man eine winzige Kerzenflamme, die im Wachs zu ertrinken droht, mit den Händen umschließt, um sie zum Leuchten zu bringen. Doch die alte Frau schüttelte nur beinahe unmerklich den Kopf, bevor sie langsam wieder in ihrer Bewegungslosigkeit versank.
© Gerhild Mölle 2000, aus: Literaturzeitschrift "Gedankenfontäne", Nr. 9, Hrsg. H.-M. Kreisel, Hattingen, S. 33.
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